25.07.2013
Klassiker der Luftfahrt

Lufthansas Ju 52 mit 10.000 Flugstunden

Sie hat mächtig Falten im Gesicht, aber auch im respektablen Alter von 77 Lenzen ist sie noch topfit und voller Tatendrang: Die liebevoll „alte Tante Ju“ genannte Ju 52 der Deutsche Lufthansa Berlin Stiftung absolvierte ihre 10.000ste Flugstunde seit ihrer Restaurierung im Jahr 1986.

Die stolze Jubiläumsmarke erreicht das von freiwilligen Technikern und Crews der Lufthansa sorgsam gehegte und gepflegte Traditionsflugzeug auf einem Streckenflug von Frankfurt nach Saarbrücken. Und während Verkehrsflugzeuge jüngerer Provenienz oft schon nach 20 oder 25 Jahren ausgemustert und „in Rente“ geschickt werden, scheint für die 1936 gebaute „Grande Dame der Lüfte“ dasselbe Motto zu gelten, wie für besonders edlen Wein: je älter, desto besser!

Mit ihrer 77 Jahre alten silbern glänzenden Wellblechhaut ist die Ju 52 mit dem gleichfalls aus dem Jahr 1936 stammenden Luftfahrtkennzeichen D-AQUI das weltweit älteste original bei Junkers in Dessau gebaute und noch funktionstüchtige Flugzeug dieses Typs – und seit 27 Jahren weit über Deutschlands Grenzen hinaus das wohl bekannteste und beliebteste Oldtimer-Flugzeug aus der Vorkriegszeit. Bis zu 16 Passagiere, sämtlich auf Fensterplätzen, können in dem „Großraumflugzeug der 30er Jahre“ das Reisen im Stil der Anfangszeit der Passagierluftfahrt genießen – mit Gardinen und Gepäcknetz. Jahr für Jahr begeistert die „alte Tante Ju“ bei hunderten Strecken- und Rundflügen Luftfahrtbegeisterte und Oldtimerfreunde im In- und Ausland. 

Kürzlich ermöglichte die Ju 52 ihren Fluggästen das Erleben der legendären Windjammerparade bei der Kieler Woche aus der Kranich-Perspektive. In den kommenden Wochen geht ihre  Deutschland-Tour weiter, von Hamburg bis München, von Dresden bis Friedrichshafen. Im August nimmt die Ju52 an der Airshow „Tannkosh“ in Tannheim (Baden-Württemberg) teil, im September ist sie gern gesehener Stammgast beim Oldtimer-Treffen an der Hahnweide bei Kirchheim unter Teck.

Auch international präsentiert sich die die alte Dame, so noch im Juli im englischen Duxford bei Cambridge, im August in Schweden und im September nochmals auf der britischen Insel, beim traditionsreichen Oldtimer-Treffen „Goodwood Revival“ in Sussex. Dort kreist die Ju 52 aus „Good Old Germany“ über der legendären Rennstrecke, auf der einst Formel 1-Helden wie Stirling Moss, John Surtees oder Jack Brabham zuhause waren. Doch während unten auf dem Motor Racing Circuit möglichst hohe Geschwindigkeiten das Maß aller Dinge sind, demonstriert die „alte Tante Ju“ 600 Meter darüber die schöne Tugend der „Entschleunigung“, wenn sie mit sonorem Brummen in einem gemächlichen Tempo, das ihrem ehrwürdigen Alter angemessen ist, ihre Kreise zieht.

Bei den Passagieren ist das Oldtimer-Flugzeug ebenso beliebt wie bei ihrer Stammbesatzung, zu der 25 Piloten, 15 Flugingenieure und 23 Flugbegleiter und Flugbegleiterinnen gehören. Es sind erfahrene Lufthansa-Crews mit tausenden Stunden Flugerfahrung, die normalerweise ihren Dienst an Bord moderner Jets, von der Boeing 737 bis zum Riesen-Airbus A380 oder auch auf der MD11 der Lufthansa Cargo oder dem Canadair Jet bei der Lufthansa CityLine versehen.
Die Lufthansa Ju 52 mit dem Kennzeichen D-AQUI ist ein Flugzeug mit sehr bewegter Geschichte. Schon bald nach ihrer Fertigstellung 1936 in den Dessauer Junkers-Werken und ihrer Auslieferung an die damalige Lufthansa begann für die dreimotorige Propellermaschine eine fünf Jahrzehnte währende, abenteuerliche und nicht immer angenehme Flug-Odyssee mit Stationen in Norwegen, im südamerikanischen Urwald von Ecuador und in Nordamerika. Anfang der achtziger Jahre von Lufthanseaten in arg ramponiertem Zustand auf einem Wüstenflugpatz im Südwesten der USA „entdeckt“, wurde die „verlorene Tochter“ von der Lufthansa zurückgekauft und in 16monatiger freiwilliger Handarbeit von Lufthansa Technikern in Hamburg liebevoll restauriert.

Den offiziellen Start in ihr „zweites Leben“ mit Erstflug über Hamburg und feierlicher Taufe auf den Namen ihres einstigen Heimatflughafens „Berlin-Tempelhof“ erlebte die „Tante Ju“ – äußerlich im alten Gewand, aber mit neuen Motoren und moderner Technik und Elektronik ausgestattet – im April 1986. Seither avancierte die alte Dame zu einem wahren Star unter den Oldtimer-Flugzeugen und ist bei Flugschauen und sonstigen Großereignissen in ganz Europa so beliebt, dass sie es in einer von April bis Oktober dauernden Flugsaison locker auf mehr als 600 Starts und Landungen bringt. Während der Wintermonate wird sie jeweils von einem Spezialistenteam der Lufthansa Technik in Hamburg auseinandergenommen, auf Herz und Nieren geprüft, generalüberholt und für die nächste Saison fit gemacht. Nur ein Facelifting bekommt die „alte Tante Ju“ nie: ihre würdevollen, charakteristischen Wellblechfalten sind unveränderlich.

Die Erinnerungen an einige der 10.000 Flugstunden aus den vergangenen 27 Jahren haben sich besonders tief eingegraben im Gedächtnis von Hennes Bonsmann, dem langjährigen Chefpiloten der Ju 52. So an die erste Landung in Dessau seit 1936, am 6. März 1990. Bonsmann erinnert sich an „unbeschreiblich ergreifende Momente, als alte Dessauer Flugzeugbauer ihre alte Dame wieder streicheln durften.“ Zu den fliegerischen Highlights, die Kapitän Bonsmann am Steuerhorn der Ju 52 erleben durfte, zählte die erste Landung in Tempelhof am 20. Juni 1991. Den 31. Oktober 2008, kurz vor Mitternacht, als nach dem historischen letzten Start der D-AQUI auf dem alten Berliner Zentralflughafen für immer die Runway-Lichter ausgingen, würde er hingegen am liebsten aus seinem Gedächtnis streichen.

Einmal, zwischen dem Sommer 1990 und dem Frühjahr 1991, gab die „alte Tante Ju“ sogar ein Gastspiel in Kanada und den USA. Mit demontierten Tragflächen wurde sie an Bord des russischen Riesentransporters Antonov 124 nach Montreal geschafft. Bei 200 Flugstunden und 350 Landungen machte sie auf 67 Flugplätzen in ganz Nordamerika Station, flog über Washington, New York, die Niagara-Fälle und die Golden Gate Bridge in San Francisco – ehe es per Schiff im Holzcontainer durch den Panama-Kanal wieder heim ging nach Hamburg. Das „Höher, Schneller, Weiter“ überlässt die Ju 52 lieber ihren jüngeren, größeren „Artgenossen“. Dafür bietet sie etwas, was ihr kein Airbus und keine Boeing so schnell nachmacht: Ob für die Piloten, Flugingenieure und Flugbegleiter oder die Fluggäste – ein Rundflug mit der „Tante Ju“ ist für jeden an Bord eine faszinierende, nostalgische Zeitreise.

Die jeweils 30- oder 60-minütigen Oldtimer-Flüge mit der Ju 52 kosten 199 bzw. 372 €. Die Preise der Streckenflüge richten sich nach der Länge der jeweiligen Route. Auch Vollcharter ist möglich. Im vorigen Jahr genossen mehr als 7500 Fluggäste eine unvergessliche Nostalgie-Luftreise an Bord der „alten Tante Ju“. Buchungen und detaillierter Flugplan unter www.lufthansa-ju52.de oder Tel. 040 – 5070 1717.



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