23.08.2016
Erschienen in: 04/ 2014 Klassiker der Luftfahrt

Auf und ab Lockheed XP-58 - Schwerer Jäger mit verschiedenen Rollen

Lockheed versuchte, das erfolgreiche Konzept der P-38 Lightning weiter zu entwickeln. So entstand unter anderem die XP-58 Chain Lightning, die größer und leistungsfähiger war als das Ausgangsmuster.

kl 04-2014 Lockheed XP-58 (01)

Die XP-58 Chain Lightning fl og am 6. Juni 1944 in Burbank in Kalifornien zum ersten Mal. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Im April 1940, also noch vor der Indienststellung der Lockheed P-38 Lightning bei den US-Streitkräften, unternahm die Lockheed Corporation aus Burbank in Kalifornien nach einem Abkommen mit dem US Army Air Corps (USAAC) einen Versuch zur Verbesserung der Lockheed P-38 Lightning. Lockheed trug die Kosten des Projektes allein. Das USAAC war zu diesem Zeitpunkt eher halbherzig auf der Suche nach einem schweren Langstreckenjäger, der auch Bomberverbände begleiten konnte. Lockheeds neuer Entwurf schien nach den Berechnungen für diese Aufgabe aber bestens geeignet zu sein. Die Auslegung war stark an das Konzept der P-38 angelehnt, allerdings war das neue Flugzeug größer (Spannweite 21,30 m statt 15,80 m) und mit einer Länge von 15,00 m fast 3,50 m länger als die P-38.

Als Triebwerke waren für das Erprobungsstadium zwei in der Entwicklung stehende Continental-IV-1140-Motoren vorgesehen. Die Bewaffnung sollte aus einer 20-mm-Kanone und vier 12,7-mm-Maschinengewehren bestehen. Es waren zwei verschiedene Varianten des Musters vorgesehen: Eine einsitzige und eine mit zwei Mann Besatzung. Die zweisitzige Ausführung sollte zusätzlich je ein 12,7-mm-MG am Ende des Leitwerksträgers erhalten. Die Lockheed-Ingenieure hatten eine Höchstgeschwindigkeit von 725 km/h in 7500 m Höhe errechnet und schätzten die Reichweite des neuen Musters auf knapp über 2500 Kilometer.

Im Juli 1940 wurden die Continental-Triebwerke des Entwurfs durch zwei flüssiggekühlte Pratt & Whitney XH-2600-3/5 ersetzt, denn man erwartete, dass die ursprünglich vorgesehenen Motoren nicht pünktlich zur Verfügung stehen würden. Ferner wurde das Flugzeug endgültig als Doppelsitzer ausgelegt und erhielt die Typenbezeichnung XP- 58 Chain Lightning („Kettenblitz“). Die einsitzige Version wurde ersatzlos gestrichen.

Als absehbar war, dass die USA nicht von großen Massen feindlicher Bomber angegriffen würden, änderten die US-Streitkräfte das Pflichtenheft für die XP-58 in Richtung eines schweren Erdkampfflugzeugs.

kl 04-2014 Lockheed XP-58 (02)

Bei den Mechanikern war die XP-58 aufgrund ihrer schlechten Wartbarkeit sehr unbeliebt. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Die geänderte Spezifikation forderte jetzt eine Bewaffnung von zwei 20-mm-Kanonen und vier 12,7-mm-MGs im Bug sowie zusätzlich vier 12,7-mm-MGs in zwei ferngesteuerten Drehtürmen im Heck der zentralen Rumpfgondel.

Die Abflugmasse erhöhte sich von 9060 kg auf 10870 kg und die rechnerische Höchstgeschwindigkeit ging auf 650 km/h in 7500 m Höhe zurück, bedingt durch den Widerstandsanstieg. Auch die errechnete Reichweite lag mit 2010 km weit unter dem geforderten Wert.

Im Oktober 1940 wurde Lockheed davon in Kenntnis gesetzt, dass auch die Entwicklung des XH-2600-Motors zugunsten aller bereits vorhandenen Antriebe eingestellt werden müsse. Aber Lockheeds Entwicklungsabteilung hatte bereits Einbauuntersuchungen und Leistungsberechnungen mit dem Achtzehnzylinder-Doppelsternmotor Pratt & Whitney R-2800 mit Turboladern durchgeführt. Die Höchstgeschwindigkeit mit den neuen Motoren betrug jetzt rechnerisch 675 km/h, aber das Fluggewicht stieg weiter an und zwar auf 11780 kg.

Als die Japaner im Dezember 1941 Pearl Harbor angriffen und die USA dadurch in den Zweiten Weltkrieg eintraten, wurden viele Ingenieure von dem Projekt abgezogen, um den Hochlauf der Massenproduktion der P-38 zu unterstützen. Die Zahl der Ingenieure, die an dem Projekt arbeiteten, sank bis Anfang 1942 von 187 auf zwölf. Die USAAF bestellte im März 1942 dann doch noch einen zweiten Prototyp, mit dessen Bau zwar begonnen, der aber nie fertiggestellt wurde.

Die US Army Air Force änderte immer wieder die Anforderungen an das Flugzeug. Entworfen als schwerer Jäger sollte das Flugzeug zunächst zu einem leichten Schnellbomber mutieren, danach sahen die Streitkräfte die Lockheed als Erdkampfflugzeug mit einer 75-mm-Kanone in der Rumpfspitze. Doch diese Planungen wurden sehr schnell wieder ad acta gelegt, denn als Erdkampfflugzeug erschien der USAAF die XP-58 einfach zu  groß und nicht ausreichend wendig. Außerdem hatte man mit der Douglas A-26 Invader ein sehr leistungsfähiges Flugzeug im Arsenal, das diese Rolle hervorragend erfüllte.

Schließlich wollten die US-Streitkräfte die XP-58 als schweren Abfangjäger mit vier 37-mm-Kanonen im Rumpfbug realisieren. In dieser Konfiguration wären die Leistungswerte des Flugzeugs jedoch dramatisch abgefallen.

Der Erstflug der Lockheed-intern als Model 20-86 bezeichneten XP-58 verzögerte sich durch den mehrfachen Rollenwechsel schließlich bis zum 6. Juni 1944. Beim Jungfernflug in Burbank saß Lockheeds Testpilot Joe Towle am Knüppel, der als Testpilot der P-38 viele Erfahrungen gesammelt hatte. 45 Minuten nach dem Start in Burbank landete Towle planmäßig die XP-58 auf der Muroc Army Air Base, der späteren Edwards Air Force Base.

kl 04-2014 Lockheed XP-58 (03)

Die voluminösen R-2800-Doppelsternmotoren verliehen der XP-58 ein sehr bulliges Aussehen. Foto und Copyright: KL-Dokumentation  

 

Als Antriebe standen letztendlich zwei 24-Zylinder-Doppel-V-Motoren vom Typ Allision V-3420 mit je 2600-PS (1940 kW) zur Verfügung. Die Flugerprobung verlief sehr schleppend, weil die USAAF über die Rolle, die das Flugzeug einnehmen sollte, sich nie richtig im Klaren war. Außerdem plagten technische Probleme mit den Motoren das Flugzeug. Insgesamt wurden nur 25 Flüge in Muroc absolviert.

Von der Muroc AAB in Kalifornien wurde die einzige je fertiggestellte XP-58 am 22. Oktober 1944 nach Dayton, Ohio, zum Wright Field überführt. Dort war man von dem Flugzeug nicht begeistert. Die technische Kommission der USAAF fürchtete, dass die Turbolader der XP-58 im Fluge brennen könnten, und die Mechaniker schimpften bei verschiedenen Tests über die technisch sehr anspruchsvollen, aber schwer zu wartenden Motoren.

Einige Systeme, wie zum Beispiel die Druckbelüftung der Kabine, die Bewaffnung und andere Systeme wurden nicht einmal installiert. Insgesamt absolvierten die Testpiloten maximal 20 weitere Flüge mit der XP-58 Chain Lightning, dann wurde das Programm eingestellt. Die XP-58 diente noch einige Monate als Anschauungs- und Übungsobjekt bei der Mechanikerausbildung in Dayton, dann verliert sich ihre Spur. Wahrscheinlich wurde sie verschrottet.

Klassiker der Luftfahrt Ausgabe 04/2014

Mehr Infos zu:
Mehr zum Thema:
Volker K. Thomalla


Weitere interessante Inhalte
Edwards Air Force Base Air Force Flight Test Museum

26.09.2016 - Das Air Force Flight Test Museum auf der Edwards Air Force Base kann nur einen Teil seiner umfangreichen und mit Exoten gespickten Exponate zeigen. Dies soll sich jedoch nach einem Umzug ändern. … weiter

Der erste strahlgetriebene Transporter der Welt Lockheed C-141A Starlifter Werbeprospekt

25.09.2016 - Im Jahr 1963 startete der erste strahlgetriebene Transporter der Welt zu seinem Jungfernflug. Die Lockheed C-141 Starlifter sollte mehr als vier Jahrzehnte wertvolle Dienste bei der US Air Force … weiter

Viel Charme, wenige Mittel Kansas Aviation Museum in Wichita

22.09.2016 - Der Mittlere Westen der USA und die Luftfahrt gehören zusammen. In keiner anderen Stadt der Welt wurden mehr Flugzeuge gebaut als in Wichita. Das von ehrenamtlichen Helfern getragene Aviation Museum … weiter

Niederlage gegen Europa US-Überschallverkehrsflugzeuge

15.09.2016 - Vor über 40 Jahren scheiterte das prestigeträchtige SST-Projekt der USA, das eigentlich die Concorde und die Tupolew Tu-144 übertreffen und eine neue Ära im Luftverkehr einläuten sollte. … weiter

Poseidon der Lüfte Martin P6M SeaMaster

04.09.2016 - Die P6M SeaMaster hätte Herrscher der Meere und Lüfte werden können. Doch anfängliche Probleme und die Politik machten dem letzten von Martin gebautem Kampfflugzeug den Garaus. Dabei war das … weiter


  • Hersteller

    Lade...

  • Typ

    Bitte Hersteller auswählen!

In Kooperation mit
Klassiker der Luftfahrt 07/2016

Klassiker der Luftfahrt
07/2016
29.08.2017

Abonnements
Heft-Archiv
Einzelheft bestellen


- Horten Ho 229
- Gotha P-60
- Technik: Flugmotor Daimler-Benz DB 605
- Szene: Messerschmitt Bf 109 G-4
- La Ferté-Alais 2016
- Serie: Erster Weltkrieg
- Heinkel He 111 im zivilen Einsatz