24.06.2016
Erschienen in: 06/ 2014 Klassiker der Luftfahrt

Verkehrsflugzeug, Bomber und SeeaufklärerLockheed Ventura

Die Lockheed Ventura erfüllte im Zweiten Weltkrieg eine Menge Rollen. Sie war nicht besonders schnell, und ihre Piloten nannten sie abfällig „The Pig“ (das Schwein). Unter dem Namen „Harpoon“ war sie jedoch als Seeaufklärer und U-Boot-Jäger erfolgreich.

Die Lockheed Ventura ist ein zweimotoriger Bomber in Ganzmetall-Bauweise, der in vielen Rollen über eine erstaunlich lange Zeit bei verschiedenen Streitkräften im Einsatz war. Seine Entstehung beruht auf einem Angebot der Lockheed Corporation an die britische Royal Air Force (RAF), die im September 1939 eine Ergänzung für ihre gerade in Dienst gestellten Lockheed Hudson und einen Ersatz für ihre Bristol Blenheim suchte. Lockheed erhielt im Februar 1940 einen RAF-Auftrag über zunächst 25 Flugzeuge. Die Ventura war eine Weiterentwicklung der Lockheed 18 Lodestar. Im Vergleich zur Hudson war die Ventura 2,20 Meter länger, obwohl die Spannweite beider Flugzeuge bis auf vier Zentimeter gleich war. 

Als Antrieb für den neuen Bomber setzte das britische Air Ministry als Beschaffungsbehörde früh auf den 1850 PS starken Pratt & Whitney-Doppelsternmotor R-2800 Double Wasp mit 18 Zylindern. Lockheed stellte daraufhin Leistungsberechnungen an, die das Air Ministry veranlassten, die Bestellung im Frühjahr 1940 auf 300 Exemplare zu erhöhen. Gleichzeitig wurde dem Flugzeug von den Briten der Name Ventura Mk I gegeben. Lockheed kam mit dieser Bestellung an seine Produktionsgrenzen und reichte die Serienfertigung an die Vega Airplane Company weiter, die in unmittelbarer Nähe von Lockheed in Burbank beheimatet war. 

Die Vega Airplane Company integrierte die geforderten Waffen in das Flugzeug: zwei  7,62-mm-MGs und zwei 12,7-mm-MGs im Bug, zwei 7,62-mm-MGs in einem Rückenturm sowie zwei 7,62-mm-MGs unter dem Heck. Zusätzliche Tanks im Flügel erhöhten die maximale Abflugmasse der Ventura im Vergleich zur Lodestar um über 2,5 Tonnen auf 10 208 Kilogramm.

Am 31. Juli 1941 startete die erste Lockheed Ventura, in vollem britischen Sichtschutz lackiert, in Burbank zu ihrem Erstflug. Inzwischen waren auch die US-Streitkräfte auf das Muster aufmerksam geworden und gaben 750 Exemplare bei Lockheed in Auftrag. Zwei der frühen Flugzeuge aus dem britischen Auftrag blieben in den USA für Tests der USAAF und der US Navy. Verzögerungen beim Produktionsaufbau führten dazu, dass die ersten Venturas erst im September 1941 nach Großbritannien geliefert werden konnten. Sie wurden auf dem Luftweg über den Nordatlantik überführt. Dabei gingen im Winter 1941/42 mehrere Flugzeuge mit ihren Besatzungen verloren.

Nach der Umschulung der Besatzungen übernahm die No 21 Squadron der RAF aber erst Ende Mai 1942 die ersten Venturas und flog erst im November 1942 die ersten Einsätze über dem europäischen Kontinent. Zu diesem Zeitpunkt war das Muster bereits hoffnungslos veraltet, wie sich bei den ersten Einsätzen zeigte. Bei einem Angriff auf ein Kraftwerk in Amsterdam im April 1943 gingen beispielsweise alle zwölf eingesetzten Venturas durch Abschuss verloren. Das Muster war bei seinen Besatzungen so unbeliebt, dass sie ihm den Spitznamen „The Pig“ (das Schwein) gaben. 

kl 06-2014 Lockheed - Ventura (01)

Die PV-2 Harpoon diente auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch bei vielen Streitkräften. Portugal musterte seine letzten Exemplare erst 1975 aus. Foto und Copyright: Lockheed Corporation  

 

Bei den US Army Air Forces stand die Lockheed Ventura unter der Bezeichnung B-34 Lexington im Dienst. Ein Teil dieser leichten Bomber war im Rahmen des Lend-Lease-Abkommens für die Royal Air Force nach deren Spezifikationen gebaut worden, dann aber an die USAAF übergeben worden, um Küstenschutzaufgaben zu übernehmen.

1942 gab es eine Neuordnung der Aufgaben innerhalb der amerikanischen Teilstreitkräfte. Die USAAF musste beispielsweise die U-Boot-Jagd an die US Navy abgeben. Deswegen stoppte die USAAF die Produktion der B-34 und übergab die Verantwortung für die Beschaffung dieses Musters an die US-Marine.

Die Navy ließ das Flugzeug von Lockheed umkonstruieren. Um die Reichweitenforderung der Marine zu erfüllen, vergrößerten die Ingenieure das Tankvolumen des nun PV-1 genannten Flugzeugs um 1000 Liter auf 6083 Liter. Als Motorisierung behielt die Navy die beiden Pratt & Whitney-R-2800-31-Sternmotoren mit je 2000 PS Startleistung bei. Die Abwehrbewaffnung der PV-1 wurde auf sechs MGs reduziert (zwei im Bug, zwei unter dem Heck und zwei im Rückenturm). Der Bombenschacht wurde modifiziert, um 3000 Kilogramm Bomben verschiedener Größen oder sechs Wasserbomben oder einen Torpedo aufzunehmen. Am 3. November 1942 war das erste Exemplar der PV-1 in Burbank fertig und startete zum Erstflug. Diese Version erfüllte die in sie gesetzten Erwartungen und wurde zur meistgebauten Variante der Ventura. 

Neben der US Navy nutzten auch die Streitkräfte Englands, Kanadas, Neuseelands, Südafrikas und Brasiliens die PV-1 im Zweiten Weltkrieg. Das US Marine Corps ließ einige PV-1 zu Nachtjägern mit sechs vorwärts feuernden 12,7-mm-MGs umbauen. Die Crew wurde auf drei Mann reduziert, und im Bug installierten die Mechaniker ein britisches Radar. Allerdings fand diese Variante keine große Verbreitung und wurde lediglich bei der Marine Night Fighter Squadron 531 im Südpazifik eingesetzt.

Die PV-1 war von Anfang an von der US Navy nur als schnell realisierbare Zwischenlösung betrachtet worden. Sie forderte von Lockheed noch 1942 eine grundlegende Überarbeitung des Musters, um die im Laufe des Krieges gestiegenen Anforderungen an einen Seeaufklärer zu erreichen. Die Ingenieure entwarfen einen neuen Flügel, der 2,90 Meter länger war und eine größere Tiefe erhielt als der Ventura-Flügel. Dadurch musste auch das Seitenleitwerk vergrößert werden. Der neue Flügel war in der Lage, über 7000 Liter Flugbenzin aufzunehmen, was der PV-2 Harpoon eine Reichweite von fast 3000 Kilometern ermöglichte. Die Bewaffnung der PV-2 bestand aus fünf 12,7-mm-MGs im Bug, zwei im Rückenturm und zwei unter dem Heck. Zusätzlich erhielt die PV-2 Aufhängepunkte unter den Flügeln für insgesamt acht ungelenkte HVAR-Raketen. Die US Navy war von den errechneten Leistungen des Musters so begeistert, dass sie im Juni 1943 einen Auftrag über 500 Exemplare erteilte.


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Volker K. Thomalla


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