03.06.2016
Erschienen in: 01/ 2013 Klassiker der Luftfahrt

U-Boot-JägerLockheed P-2 Neptune

Besonders schnell war sie gerade nicht, weshalb die „Neptune“ rasch den Beinamen „Turtle“ (Schildkröte) erhielt. Für eine Schildkröte indessen war sie außergewöhnlich bissig, was nichts anderes bedeutet, als dass der U-Boot-Jäger Lockheed P-2 Neptune seine Aufgaben äußerst effektiv erledigte.

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Am 29. September 1946 hob eine Lockheed P2V-1 Neptune im westaustralischen Perth ab und nahm Kurs auf die USA. Vier Mann Bestzung und ein Känguru als Maskottchen schickten sich an, mit der erst dritten Maschine dieses neuen Typs einen Rekord aufzustellen, indem sie ohne Luftbetankung die Strecke bis nach Washington D.C. non-stopp zurücklegen wollten. Zwar wurde die Maschine  mit der Baunummer 89082 und dem Eigennamen „The Turtle“ (Die Schildkröte) wegen widriger Wetterbedingungen gezwungen, bereits in Port Columbus, Ohio, herunterzugehen, doch hatte sie bis dahin schon 18 078 Kilometer in 55 Stunden und 17 Minuten Flugzeit zurückgelegt – der Rekord stand, und das bis 1986! Gebrochen wurde er erst von Burt Rutans Voyager. Als die US Navy im Februar 1970 auf der NAS Brunswick die Neptune außer Dienst stellte, trug die letzte fliegende Maschine den Namen „The Last Fleet Turtle“. Pilot war, wie schon beim 25 Jahre zurückliegenden legendären Rekordflug, Thomas Davies.

Zwischen diesen beiden Daten lag eine ereignisreiche Zeit für dieses Flugzeugmuster, das bei den US-Streitkräften, in Südamerika und Kanada, in Europa und Japan im Dienst stand, vor allem natürlich als Patrouillenflugzeug und als U-Boot-Jäger. Neptunes halfen aber auch bis dahin unerforschte Gebiete zu kartieren, flogen als Erprobungsträger für zahlreiche Waffen und Ausrüstungen und absolvierten ungezählte Such- und Rettungsflüge. Und so war die Außerdienststellung Anfang 1970 noch lange nicht das Ende dieses außergewöhnlichen Flugzeuges, das bis 1978 bei zwölf Einheiten der Navy- Reserve eingesetzt wurde und noch bis zum Ende der 1990er Jahre bei den japanischen Selbstverteidigungskräften flog.

Bereits gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zeichnete sich ab, dass die Entwicklung der U-Boot-Waffe künftig enorme Anstrengungen zur Abwehr dieser neuen Bedrohung erfordern würde. Lockheed hatte dabei die Nase vorn mit seiner PV-Serie verschiedener Patrouillenbomber, der Hudson, der Ventura und der Harpoon.


Doch schon 1941 brauchte die Navy ein größeres Flugzeug mit mehr Reichweite und verbesserter Waffenzuladung. Also gab Mac Short, Vizepräsident der Vega Airplane Company im Lockheed-Konzern am 6. Dezember jenes Jahres eine Studie für ein solches Flugzeug unter der Bezeichnung V-135 in Auftrag. Leiter des Teams wurde Vega- Chefingenieur John Wassall.

So entstand auf dem Papier ein zweimotoriger Hochdecker mit ferngesteuerten Waffentürmen, Dreipunktfahrwerk und der Möglichkeit, in einem internen Schacht Abwurfwaffen mitzuführen. Bei Lockheed arbeitete man vorausschauend, immer in Erwartung eines Bauauftrages, der auch tat-sächlich am 19. Februar 1943 über zwei Prototypen XP2V-1 lautete. Zu diesem Zeitpunkt war aus der V-135 bereits die V-146 geworden, die gegenüber ihrer Vorgängerin einen Mitteldecker mit größeren Leitwerken vorsah. Am 4. April 1944 erhielt Lockheed den Auftrag, die Bauunterlagen für 15 Vorserienflugzeuge auszuarbeiten, und so wurde der erste Prototyp (BuNo 48237) noch im Mai 1945 fertiggestellt. Den Erstflug unter Joe Towle absolvierte er am 14. Mai.

Obwohl sie jetzt bereits eine Leermasse aufwies, die eigentlich der projektierten maximalen Abfl ugmasse entsprach, verlief die Flugerprobung sehr zufriedenstellend. Das Kriegsende jedoch machte alle Hoffnungen auf Folgeaufträge zunichte, denn das erste, eigentlich fest bestellte Produktionslos wurde nun auf 14 P2V-1 beziehungsweise 51 bis dahin weiterentwickelte P2V-2 zusammen- gestrichen. Bei der neuen Variante war die gläserne Beobachternase mit vorher zwei 12,7-mm-MGs von einer festen Verkleidung ersetzt worden, die jetzt sechs 20-mm-Kanonen beherbergte.

Die 14 „Einser“ wurden bis März 1947 ausgeliefert und hatten unter den Tragflächen Aufhängepunkte für sechzehn 12,7-cm- Raketen oder vier 30-cm-Flugkörper „Tiny Tin“. Die erste Maschine dieser Kleinserie war die „Schildkröte“, die für den Rekordfl ug völlig ausgeräumt worden war, aber über vier Starthilfsraketen verfügte. Die Maschinen bildeten die erste Neptune-Staffel VP-ML-2 auf der Navy-Basis Miramar.

Die fünfte P2V-1 (BuNo 89086) war gleichzeitig der Prototyp für die nächste Generation, die mit neuen Wright-Motoren mit Wassereinspritzung ausgerüstet wurde. Die Erstbestellung von 51 Flugzeugen, die noch den unmittelbaren Nachkriegseinsparungen geschuldet war, wurde am 13. September 1946 um weitere 30 ergänzt. Die erste dieser Maschinen hob am 7. Januar 1947 zum Erstflug ab, und ab dem neunten Exemplar wurde der Rückenturm von Bell von einem Emerson-Modell abgelöst. Eine Maschine (BuNo 122449) wurde zur P2V-3C umgebaut, die außer den beiden Kanonen auf dem Rumpfrücken keine weitere Abwehrbewaffnung besaß. Sie stand auch für Starts und Landungen auf Flugzeugträgern zur Verfügung, als die Navy versuchte, aus Neptunes strategische Bomber abzuleiten.


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