15.08.2016
Erschienen in: 01/ 2016 FLUG REVUE

KranhubschrauberSikorsky S-60

Um den Transport sperriger Lasten zu vereinfachen, entwarf Igor Sikorsky einen speziellen Kranhubschrauber. Die ungewöhnliche S-60 blieb zwar ein Einzelstück, leistete aber wichtige Vorarbeit für die S-64.

Schon Mitte der 50er Jahre arbeitete Igor Sikorsky an der Idee eines Kranhubschraubers, mit dem schwere Lasten viel einfacher sollten befördert werden können als mit herkömmlichen Methoden. Zunächst plante er einen Helikopter ohne eine Frachtkabine, der über die dynamischen Komponenten der S-56 Mojave verfügte. Nach dem Bau eines Modells in Originalgröße schlug Sikorsky das Konzept den Managern der United Aircraft Corporation vor, zu der seine Firma seit 1929 gehörte. Mit Erfolg: Der Hubschrauberpionier erhielt die Freigabe zum Bau eines Versuchsmodells. Die Entwicklungsarbeiten begannen am 1. Mai 1958.

Den Antrieb, Rotoren und Getriebe einer S-56 steuerte die US Navy bei. Den Rumpf unterhalb des Getriebes schnitten die Konstrukteure einfach ab und sahen mehrere Punkte an der Unterseite zur Befestigung verschiedener Güter vor. Auf der Höhe des Schwerpunkts war ein rund 30 Meter langes Kabel angeordnet, das eine Tragkraft von knapp 6000 Kilogramm besaß. In der Kabinenkanzel fanden zwei Piloten nebeneinander Platz. Der linke Sitz ließ sich um 180 Grad drehen, damit der Pilot einen weiteren Satz Steuerungselemente erreichte und den Hubschrauber mit der Außenlast im Blick rückwärts blickend fliegen konnte.

Am 18. März 1959 war die Fertigung abgeschlossen, sodass dem Erstflug am 25. März 1959 nichts mehr im Weg stand. In den folgenden drei Monaten präsentierte Sikorsky die S-60 unter anderem der US Army in Fort Bragg, dem Marine Corps in Quantico und sogar einer Abordnung des deutschen Militärs. Im Juli 1959 bewies Igor Sikorsky besonderes Vertrauen in seine Konstruktion und ließ eine Plattform mit vier Sitzen unter den Helikopter montieren. Zusammen mit drei Mitarbeitern brach er zu einem luftigen Rundflug auf. Später transportierte die S-60 sinnvollere Lasten: So beförderte der Experimentalhubschrauber 16 Sikorsky S-58 nacheinander vom Flugplatz Bridgeport zur Überholung ins nahe gelegene Sikorsky-Werk. Später kam ein Passagierabteil für 20 Fluggäste zur Erprobung.

Im Januar 1961 schloss Sikorsky einen Vertrag mit der NASA und rüstete den Kranhubschrauber mit einer in der Empfindlichkeit verstellbaren Steuerung aus. Doch der Schuss ging nach hinten los: Am 3. April 1961 geriet die S-60 außer Kontrolle und stürzte auf dem Firmenflugplatz von Sikorsky ab. Die beiden Piloten blieben unverletzt, ihr Fluggerät war jedoch zerstört. Die Steuerung war doppelt so empfindlich eingestellt wie normal. Zu diesem Zeitpunkt hatte die S-60 rund 335 Flugstunden absolviert.

Der eigenfinanzierte Experimental-Helikopter konnte zwar rund 450 Kilogramm mehr transportieren als die S-56, weil er entsprechend leichter war, aber die beiden Kolbenmotoren blieben  zu schwach. Dennoch zeigte die S-60, wie wertvoll Kranhubschrauber sein können. Die  Erkenntnisse führten schließlich zur Entwicklung der S-64. Die Überreste der S-60  befinden sich heute im Bestand des Connecticut Air and Space Museum in Stratford, wo das Einzelstück restauriert wird.

Technische Daten

Sikorsky S-60

Hersteller: Sikorsky Aircraft, Stratford, USA
Typ: Kranhubschrauber
Antrieb: 2 x Pratt & Whitney R-2800-54
Leistung: 2 x 1398 kW (1900 PS)
Länge: 26,80 m
Höhe: 6,60 m
Hauptrotordurchmesser: 21,95 m
Leermasse: 8896 kg
max. Startmasse: 14 550 kg
normale Reisegeschwindigkeit: 185 km/h
Steigleistung: 277 m/min
Dienstgipfelhöhe: 3290 m
Reichweite: 425 km
Nutzlast: 5805 kg

FLUG REVUE Ausgabe 01/2016

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Patrick Hoeveler


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