29.05.2017
Erschienen in: 04/ 2017 Klassiker der Luftfahrt

SowjetunionJunkers K 30: Der heimliche Junkers-Bluff

In den 1920er Jahren machten Allierte Beschränkungen den Flugzeugbau in Deutschland Schwierig. Junkers gründete daher Werke im Ausland, in denen auch Militärmaschinen wie die K 30 gebaut wurden. Sie kam auf abenteuerliche weise in die Sowjetunion.

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Am 28. September 1925 gingen in Limhamn nahe Malmö eigenartige Dinge vor sich: Eine große, hölzerne Kiste wurde vorsichtig auf das Deck des dänischen Schiffs M/S „Maagen“ verladen, welches dann still und heimlich mit seiner brisanten Frach ablegte. Zehn  Tage später berichtete die Zeitung „Arbetet“, dass es sich bei der geheimen Ladung um ein Flugzeug handelte, das militärischen Zwecken dienen sollte und dafür extra in Limhamn gebaut wurde. Weiterhin vermutete man, dass es von Spanien im Krieg gegen Marokko eingesetzt würde. Weitaus umfangreicher spekulierte eine andere Zeitung. Sie schrieb, dass die Ladung für Russland bestimmt sei, und berief sich auf ein Gespräch mit dem Kapitän des Schiffs.

Dieser soll die Entladung und Verzollung in Stettin und nicht in Kopenhagen bestätig haben. Wenige Tage später dementierte Friedrich Treitschke, ein Junkers-Repräsentant in Schweden, die Gerüchte und sagte, dass die Maschine auf dem Weg nach Spanien für Demoflüge gewesen sei. Am Ende waren die Zeitungen nah dran, doch sie schafften es nicht, das Geheimnis zu lüften.

Die für den Bau verantwortliche Junkers-Tochtergesellschaft AB Flygindustri verkündete der Presse lediglich, dass man eine Exportlizenz für Spanien besäße. In Wirklichkeit erreichte die M/S „Maagen“ Stettin am 30. September, und die Fracht wurde schnell auf ein anderes Schiff in Richtung Leningrad (heute St. Petersburg) verladen. Spanien war eine Verschleierungstaktik, die von der Junkers-Führung ersonnen worden war und eigentlich als Codewort für die Sowjetunion diente. Zuvor hatte die AB Flygindustri noch den Überbegriff „Sendung Leningrad“ in der schriftlichen Korrespondenz mit Junkers verwendet. Schweden hatte jedoch, wie auch die meisten anderen europäischen Länder, den Export von Kriegswaffen an die Sowjetunion untersagt. Daher wurde vorher über die Verschiffung nach Kopenhagen und viele weitere Stationen nachgedacht, um das Ziel zu verheimlichen.

Bei der Fracht handelte es sich um die erste Junkers K 30, einen dreimotorigen Bomber für die russischen Streitkräfte. In das Geschäft war auch die Junkers-Fabrik in Fili bei Moskau involviert, die man 1922/23 eröffnet hatte mit dem Ziel, dort im Geheimen Flugzeuge und Motoren für die UdSSR und Deutschland zu bauen.

Im April 1924 fragten russische Abgesandte bei Junkers, ob diese nicht einen dreimo­torigen schweren Bomber für die Luftstreitkräfte der Roten Armee bauen könnten. Die Designer in Dessau stimmten zu und planten, das neunsitzige Passagierflugzeug G 24 für diesen Zweck umzurüsten. Die mittlere Rumpfsektion, hinter dem Motor und vor der Hecksektion, wurde dafür durch ein geändertes Bauteil ersetzt. Dieses bot die Möglichkeit, MGs und Bomben mitzuführen. Damit wurden die Anforderungen zwar nicht völlig erfüllt, aber in Ermangelung einer Alternative überzeugte Junkers die  Sowjets, dass es sich hierbei um die beste  Lösung handle. Man schickte nach dem Besuch eines sowjetischen Abgesandten in Dessau im April 1925 sogar eine G 24 (Kennung D-543) zu einer Vorführtour nach Moskau. Die erste Bestellung über drei K 30 erfolgte am 1. Juli 1925. Hinzu kam zwei zusätzlichen L-5-Motoren zu Versuchszwecken sowie Schwimmer für eine Maschine. Als Preis wurden 744000 Goldrubel pro Flugzeug vereinbart.

Mitte 1925 waren die Entwürfe vollständig, und die Maschine erhielt ihre neue Typenbezeichnung. Aus G 24 wurde K 30  (Designbüro- und Fabrikkennungen: J 30). Die Produktion konnte wegen der Verbote natürlich nicht in Deutschland stattfinden. Die Verantwortlichen entschieden sich daher für die Abwicklung  beim neuen Tochterunternehmen AB Flygindustri. In Schweden konnten die nötigen militärischen Einbauten ohne Probleme vorgenommen werden. Die Motoren, der hintere Rumpf, Ruder und  andere Bauteile der K 30 stammten aber aus deutscher Fertigung in Dessau. Diese Baugruppen unterlagen nicht dem bestehenden Verbot.


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