13.07.2017
Erschienen in: 05/ 2017 Klassiker der Luftfahrt

Zweiter WeltkriegHawker Hurricane: Sturm an der Ostfront

Im Rahmen des Lend-and-Lease-Programms kamen verschiedene Jäger aus den westlichen Produktionsstätten an die Front in der Sowjetunion. Den Anfang machte die Hawker Hurricane, den Deutschen als Gegner bekannt.

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Die Hawker Hurricane war das erste Muster der Alliierten im Lend-Lease-Programm an der deutsch-sowjetischen Front. Ende Juni 1941 bat die sowjetische Regierung Großbritannien um 3000 Jagdflugzeuge im Rahmen der militärischen Hilfe. Die Antwort der britischen Regierung: Sie stelle lediglich eine Hurricane zur Erprobung zur Verfügung. Doch Churchill änderte seine Meinung und die Unterstützung begann. Am 18. August 1941 wurde die Lieferung von 200 weiteren Hurricanes an die Sowjets beschlossen; weitere drei Tage später bot Churchill Josef Stalin an, ein komplettes RAF-Geschwader nach Murmansk zu verlegen. Dieses sollte die sowjetischen Lufttruppen im Norden aufstocken und ihre Piloten sowie das Wartungspersonal mit der neuen Technik vertraut machen.

Zu dieser Zeit war die Hurricane schon keine Neuheit mehr. Die Sowjets hatten sie bereits mehrmals auf diversen Ausstellungen gesehen und konnten sich im März 1941 einen in Deutschland erbeuteten Jäger näher anschauen. Sowjetischen Boden erreichte die Hurricane am 7. September 1941. Eine Gruppe hob vom Deck des Flugzeugträgers „Argus“ ab und landete auf dem Flugplatz Waenga bei Murmansk. Dies waren die ersten Piloten des 151. Wing der RAF. Der Flugzeugträger hatte insgesamt 24 erleichterte Hurricane Mk IIB an Bord, und 15 weitere kamen demontiert nach Archangelsk, wurden zusammengebaut und anschließend nach Waenga überführt.

Churchill liefert Geschwader

Am 11. September absolvierten die britischen Piloten ihren ersten Einsatzflug und erzielten erste Erfolge gegen die Deutschen. Die Umschulung der sowjetischen Piloten begann am  22. September. Der Erste, der sich mit der Hurricane vertraut machte, war General-Major Alexander Kusnezow, Kommandeur der Luftstreitkräfte der Nordmeerflotte. Ende Oktober übergaben die Briten 28 flugfähige Jäger an die Luftstreitkräfte der Nordmeerflotte. Mit diesen baute man das 78. Jagdfliegergeschwader auf. Kommandeur wurde Boris Safonow, ein Ass unter den sowjetischen Fliegern. Ebenfalls im September nahm eine Kommission des Instituts der sowjetischen Luftstreitkräfte die erste auf direktem Wege gelieferte Hurricane nach ihrer Montage entgegen.

Dieser Jäger gehörte zum Ladegut des Geleitzugs „Dervish“ (PQ-0), mit dem der Flugzeugträger „Argus“ ankam. Die Mitglieder der Abnahmekommission waren verwundert über die Unvollständigkeit der Lieferung. Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass diese gar nicht als Flugzeug gelistet war, sondern als ein Satz von Ersatzteilen. Dazu muss gesagt werden, dass es bei den sowjetischen Luftstreitkräften gängig war, die Sätze mit den meist getauschten Ersatzbauteilen zusammen mit jedem Flugzeug zu liefern und dazu noch einen Satz an großen Bauelementen. Die Briten schickten anstatt großer Ersatzteilgruppen ausgediente Jagdflugzeuge, die zur Zerlegung in einzelne Bauteile vorgesehen waren. Dieser Unterschied zwischen russischer und der britischer Auffassung im Hinblick auf Ersatzteillieferungen führte dazu, dass die Sowjetunion insgesamt 3082 Hurricanes empfing, wenngleich England und Kanada ihrerseits nur 2952 Exem-plare verschickt hatten.

Die Hawker wurden in verschiedenen Varianten geliefert, die genaue Verteilung ist jedoch unbekannt. Belegt ist, dass mindestens 210 Flugzeuge vom Typ IIA, 1557 vom Typ IIB (dazu zählen die baugleichen kanadischen X, XI und XII) wie auch 1009 IIC, 60 IID und 30 Exemplare Typ IV geliefert wurden. Ein Teil der IIA-Variante waren in Wirklichkeit Umbauten der älteren Mk I. Ab Anfang 1943 gehörten auch  fabrikneue Maschinen dazu.

Kampf gegen Messerschmitt und Co. beginnt

Die ersten Einsatzflüge mit den britischen Jägern wurden im November/Dezember 1941 von den Geschwadern Nr. 72 und 78 (Luftstreitkräfte der Nordflotte) sowie 152 und 760 (Luftwaffe der Leningrader Front, später Karelische Front) absolviert. Nachfolgend kamen die Einheiten hinzu, die in Reservegeschwadern eine Umschulung durchliefen. Die erste große Kriegsoperation, an der die Hurricanes teilnahmen, war die Gegenoffensive bei Moskau. Im Frühjahr 1942 begann der Einsatz der 67., 429. und 488. Regimenter im Moskauer Gebiet. Die britischen Jäger flogen in kleineren Gruppen Begleitschutz für die Truppen an der vorderen Frontlinie und gehörten zur Luftabwehr der strategisch wichtigen Objekte. Die sowjetischen Piloten, die kleine und sehr wendige Jagdflugzeuge gewohnt waren, empfanden die Hurricane als sperrig und schwerfällig. Sie war deutlich größer als I-16 oder Jak-1 und reagierte nicht so direkt auf Ruderausschläge. Die ersten Einsätze brachten schnell die Vor- und Nachteile zum Vorschein. Die geräumige, bequeme Pilotenkanzel, die hervorragende Funkausrüstung sowie die Einfachheit der Bedienung fielen positiv auf. Die Flugeigenschaften waren hingegen bescheiden. Die Hurricane war der deutschen Messerschmitt Bf 109 F klar unterlegen.

Georgi Simin, in der Folgezeit Luftmarschall, gab nach einem Übungsluftkampf gegen eine P-39 eine lebhafte Beschreibung zu den Kampfeigenschaften: „Leider hätte ich ebenso gut auch auf einem Pterodaktylus (Flugsaurier, d. Red.) gegen die Airacobra kämpfen können.“


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