12.04.2017
Erschienen in: 01/ 2012 Klassiker der Luftfahrt

Erster Lastenhubschrauber (Teil 2) Tests 1940

kl 01-2012 Focke-Achgelis Fa 223 (01)

Motorwechsel bei der Vorserienmaschine V11. Die Kanzel war gegenüber dem Prototyp V1 flach verglast. Eine Strebe diente als Überrollbügel. Foto und Copyright: Archiv Hubschraubermuseum Bückeburg  

 

Im August 1939 verließ der erste Prototyp die Werkshalle. Die offizielle Bezeichnung lautete Fa 223 V1, D-OCEB, Werknummer: 2230001. Mehr als 100 Stunden sollte der Hubschrauber „gefesselt“ am Boden geprüft werden. Dazu hatte BMW eigens einen Ingenieur zu Focke-Achgelis abgestellt. Richard Kurz beaufsichtigte von Oktober 1939 bis zum Herbst 1940 die Bodentestläufe. Hier musste Focke erkennen, dass alle Blätter mit nur wenig Gas in der höchsten Position rotierten. Er beschrieb, dass dies aussehe „wie zwei hochgeklappte Regenschirme“. Erhöhtes Gasgeben sorgte für einen erheblich höheren Anstellwinkel der Blätter, als die Zentrifugalkraft diese in ihrer Streckung beeinflussen konnte. Focke stellte fest, dass die Kardangelenke dieses Phänomen negativ beeinflussten. Sie wurden neu berechnet und umgebaut.

Nach insgesamt 50 Bodenstunden erfolgte der allererste Freiflug der Fa 223 V1. Am 8. März 1940 hob Testpilot Flugkapitän Carl Bode, der bereits die Fw 61 erprobt hatte, um 17.50 Uhr vom Boden ab. Die Sequenz dauerte nur wenige Minuten und Bode stellte eine zu hohe Empfindlichkeit in der Quersteuerung und weitere Störungen im Rotorsystem fest. Von seinen vielen Tests sind zahlreiche Originalprotokolle mit Kommentaren erhalten, die im Hubschraubermuseum in Bückeburg für die Nachwelt katalogisiert wurden.

Weitere Rotorschwingungen beschädigten Prototyp V1 bei folgenden Bodentestläufen so schwer, dass Teile des zweiten Prototypen (V2) als Ersatz herhalten mussten. Die Tests konnten im Juni 1940 weitergehen. Am 18. Juni flog Bode schließlich elf Minuten lang und erreichte dabei eine Höhe von 300 Metern. Bodes Testbericht: „Die Flugeigenschaften sind denen der Fw 61 sehr ähnlich. Die unangenehme dynamische Längsstabilität der Fw 61 trat nicht auf. Die Ruderwirkung wurde merklich abgeschwächt und ist in jedem Fall besser als in der Fw 61.“

Focke, der seinen hohen Sicherheitsansprüchen treu blieb, ließ den Hubschrauber zerlegen, prüfen und wieder zusammenbauen. In der Folgezeit fanden mehr als 16 Flugstunden in Lemwerder statt. Am 22. September 1940 hatte Bode eine Überraschung für Professor Focke: Für eine Flugminute war der Konstrukteur der erste Passagier an Bord der Fa 223, später folgte auch Richard Kurz.

Einen Höhenrekord erflog Carl Bode am 22. September 1940, als er auf 5200 m stieg; am selben Tag erfolgte auch die erste Autorotation.

Der erfahrene Testpilot tat sich schwer, als er bei der Lastenerprobung zum ersten Mal eine Panzerabwehrkanone als Außenlast transportieren musste. Er gab zu Protokoll, dass er es als schwierig empfand, den Abstand zwischen Waffe und Boden abzuschätzen. Als er die Kanone ausklinkte, befand sie sich noch drei Meter über dem Boden und wurde beim Aufprall stark beschädigt. Daraus ergab sich die Konsequenz, dass die Lastenkabel nicht länger als zehn Meter sein sollten, und man zur besseren Sicht Spiegel unter dem Rumpf anbringen wollte oder Funk zur Kommunikation nutzen wollte (Elemente, die bis heute beim Außenlasttransport noch Gültigkeit haben). Bis zur Musterzulassung der Fa 223 flog Bode mit Kurz als Fluggast 270 km von Lemwerder nach Rechlin in 2:45 Stunden (Durchschnittsgeschwindigkeit: 98 km/h). Am Tag der Musterzulassung, am 28. Oktober 1940, erreichte Bode mit Prototyp V3 (Werknummer 2230003) die neue Rekordhöhe von 7090 Metern und stieg in der Autorotation schnell ab. Dabei vereiste die Kanzel, Bodensicht war nur durch das Seitenfester gegeben. Dass ihm eine kurze Dreipunktlandung gelang, begründete Bode mit der guten Fahrwerksauslegung.

Nachdem einige Piloten in Rechlin erste fliegerische Erfahrungen auf der Fa 223 machen konnten, kehrte Bode nach Hoykenkamp zurück. Unterwegs gelang ihm mit 180 km/h ein Geschwindigkeitsrekord, der erst 1948 übertroffen wurde. Der Höhenrekord wurde 1955 von einer Alouette gebrochen, deren Ur-Konstruktion auf den Plänen von Henrich Focke basiert.


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