30.08.2017
Erschienen in: 06/ 2017 Klassiker der Luftfahrt

Hansa-Brandenburg C 1Ein Schmetterling für Ernst Piëch

Es begann mit dem Kauf eines alten Flugmotors – Und endete mit dem Nachbau eines ganzen flugzeugs. Die Geschichte hinter dem Motor und welche Rolle Ferdinand Porsche dabei spielte.

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Es war an einem sonnigen Montag im April 2017: Das österreichische Bundesheer erlaubte einer erlesenen Schar Zivilisten nicht nur das Betreten ihres Flugareals in Wiener Neustadt, sondern auch die Nutzung ihres darüberliegenden Sauerstoff-Stickstoff-Gemisches, im Volksmund „Luft“ genannt, und zwar genau für eine Stunde, beginnend um 14 Uhr. Es durfte nicht nur geatmet, sondern auch geflogen werden – und Porsche-Enkel Ernst Piëch erlebte einen der aufregendsten Momente seines nunmehr 88-jährigen Lebens.

Die Geschichte hat wie alles einen Anfang. Vor rund sechs Jahren hatte Ernst Piëch einen alten Flugmotor erst entdeckt und in der Folge erstanden. Es handelte sich um einen Sechszylinder-Austro-Daimler-Reihenmotor mit 16 Litern Hubraum. Nach kurzer Recherche fand er heraus, dass dieser Motor nicht nur von Piëchs Großvater Ferdinand Porsche konstruiert worden, sondern während des Ersten Weltkrieges in einem Doppeldecker vom Typ Hansa-Brandenburg C I eingebaut war. Es wartete eine weitere Entdeckung:  Piëchs Onkel Ernst war mit solch einem Flugzeug während des Ersten Weltkriegs geflogen und vor 99 Jahren über Udine während eines Erkundungsfluges abgeschossen worden.

Danach ging es Schlag auf Schlag. Während eines Besuchs in der Edelmanufaktur CraftLab von Koloman Mayrhofer in Pitten – es ging dabei um die Renovierung eines Austro-Daimler-Torpedo-Automobils für Piëchs Museum „fahr(T)raum“ in Mattsee – erwähnte dieser beiläufig, dass sein Hauptgebiet eigentlich in der Restaurierung alter Flugmaschinen läge. Piëch erzählte dem Geschäftsführer von seinem Onkel, dem Flieger, vom Flugmotor und ob man nicht … Mayrhofer und Piëch blickten einander in die Augen, schüttelten mit festem Druck die Hände, so wie es gestandene Männer vor großen Entdeckungen oder Erfindungen eben tun. Das Projekt Hansa-Brandenburg C I, Typ 9 Phoenix, Serie 29 war somit beschlossen. Die nun folgende gigantische Unternehmung kommentierte Koloman Mayrhofer nüchtern: „Wir produzieren etwas, was niemand wirklich braucht. Es ist, wie einen seltenen Schmetterling einzufangen – man benötigt in erster Linie Geduld.“

Während der Motor in die heiligen Hände von Rolf Schmied verfrachtet wurde, ackerte sich Mayrhofer zuerst einmal durch Berge von Literatur. „So etwas ist ganz wichtig“, versicherte er. „Nur wenn man tief in die Materie taucht, ist man in der Lage, schlüssig zu begreifen, warum etwas so und nicht anders konstruiert wurde.“

Es galt, an die 10 000 Teile erstens passgenau zu fertigen und zweitens fachgerecht zusammenzufügen. Mehr als 7000 Arbeitsstunden allein für den Flugkörper und dazu noch 1000 Stunden für die Motorrevision lagen vor sechs Spezialisten. Mayrhofers Streben lag und liegt noch immer in einer sehr großen Fertigungstiefe. „Aufträge nach außen zu verlagern, funktioniert in diesem komplexen Bereich nicht“, argumentierte er.

Und während im Pittener Team sorgfältig die Hölzer ausgesucht wurden, begann der Motorenzampano Rolf Schmied mit dem Zerlegen des Austro-Daimler-Sechszylinders. Schon nach wenigen Stunden erkannte er, welch hochtechnisches Gustostückerl er vor sich hatte. Ferdinand Porsche hatte in diesem Konzept die Basis für spätere Hochleistungsmotoren gelegt: Sechszylinder-Reihenmotor, eine obenliegende Nockenwelle (SOHC), die über Kipphebel je zwei Einlass- und zwei Auslassventile pro Zylinder steuert. Die Nockenwelle wird über eine sogenannte Königswelle und Kegelzahnräder angetrieben. Interessantes Detail  von Ferdinand Porsches Ingenieurkunst: Die Königswelle treibt über ein schräg eingesetztes Kegelradsystem die Ölpumpe und etwa in der Mitte beidseitig montierte Zündverteiler an. Die Kurbelwelle rotiert auf sieben Gleitlagern und hat an der Vorderseite eine Verjüngung für den Propeller mit 280 Zentimetern Durchmesser, der den Flieger schon bei 50 km/h in die Höhe treibt.


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Erich Glavitza


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