30.08.2017
Erschienen in: 06/ 2017 Klassiker der Luftfahrt

Hansa-Brandenburg C 1 (Teil 2) „Das Kraftwerk ist durstig!“

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Inzwischen hatte Mayerhofer mit seinem Team die Hölzer ausgewählt: für die Holme Fichte – wegen ihres geringen spezifischen Gewichts – und Kiefer, die zwar etwas schwerer ist, dafür aber über eine höhere Zugfestigkeit verfügt. Hölzer mit geringem Feuchtigkeitsgehalt von unter zehn Prozent waren nur schwer aufzutreiben. Noch problematischer war die Beschaffung des Leinen und des speziellen Garns für die sogenannte Betuchung des Fliegers. Der deutsche Fachmann Mathias Baumann half schließlich, das notwendige Rohmaterial über belgische Quellen aufzutreiben.

Inzwischen gingen schon die ersten Experten der Luftfahrtbehörde in der Fliegerwerft Mayrhofers ein und aus. Bevor der Bau überhaupt beginnen konnte, mussten erst einmal die Hürden für die Baubewilligung genommen werden. Das aufwendige Zulassungsverfahren richtete sich naturgemäß nicht nach den eher schütteren Vorschriften der frühen Kriegsjahre, sondern war den gegenwärtigen Sicherheitsnormen angepasst. Jede einzelne Schweißung, dazu zahllose Verspleißungen, Spannschlösser und Materialtests bis zu Leimproben mussten vor den kritischen Prüfern bestehen. Nicht ohne Stolz berichtete Koloman Mayrhofer, dass der positive Prüfbericht auf eine Spielkarte gepasst hätte.

Schließlich wurde die Bewilligung für den Erstflug erteilt. Mayrhofer wählte den Slowenen Sašo Knez, weil er ihn schon jahrelang kannte und vor allem wusste, dass dieser neben vielen Erstflügen mit modernen Luftfahrzeugen eine besondere Liebe für antike  Fluggeräte mitbringt. Der groß gewachsene Testpilot war mit Freunden in einem VW-Bus mit Surfbrett auf dem Dach angereist und zeigte sich sofort von der Hansa-Brandenburg C1 begeistert.

Da dieser Doppeldecker hauptsächlich als Beobachter und im erweiterten Einsatz als Bomber eingesetzt worden war, war eine ruhige und stabile Luftlage Voraussetzung. Schließlich hätte man mit verwackelten Bildern von Feindstellungen wenig anfangen können. Während der Tank mittels einer Handpumpe gefüllt wurde, fragte der Pilot nach dem Treibstoffverbrauch. Mayrhofer zeigte auf den Tank und antwortete: „100 Liter für 100 Minuten. Das Kraftwerk ist durstig!“

Nach einem ausführlichen Check des Fliegers kletterte Knez ins Cockpit, startete den Motor, und nach ein paar Probeläufen hob die Hansa-Brandenburg C1 vom Boden ab. Die auf dem Planeten zurückgebliebenen Zuschauer folgten erst mit offenen Mündern dem Flieger – und als er dann im Tiefflug über sie hinwegflog, bekam die gesamte Gruppe des Projekts wässrige Augen.

Dann kam der große Augenblick: Der Vater dieses aufregenden Projekts, Ernst Piëch, stülpte sich die mit Lammfell gefütterte Fliegerhaube über, schob die schwere Fliegerbrille über die Augen – und kletterte behände wie ein Jungspund in das enge Cockpit des Aufklärers. Der Sechszylinder feuerte los – ein kurzes Handzeichen des jungen Piloten Sebastian Knapp, der beim Bau der Hansa-Brandenburg C1 mitgewirkt hatte, und der stolze Doppeldecker drehte sich in den Wind.

Klassiker der Luftfahrt Ausgabe 06/2017


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Erich Glavitza


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