02.12.2016
Erschienen in: 02/ 2012 Klassiker der Luftfahrt

Rüstungsexporte Deutsche Flugzeuge für Bulgarien

Im Zweiten Weltkrieg kämpfte das Königreich Bulgarien an der Seite der Achsenmächte. Moderne Militärtechnik erhielten die bulgarischen Streitkräfte aus Deutschland. So begann das Reich 1940 mit der Lieferung von Bf 109 E und der Ausbildung von Piloten – die nach dem Einmarsch der Roten Armee im September 1944 zu erbitterten Gegnern mutierten.

Die Niederlage im Ersten Weltkrieg brachte für Bulgarien nicht nur Gebietsverluste, Reparationszahlungen und eine deutliche Verkleinerung der Armee mit sich. Der Friedensvertrag von Neuilly-sur-Seine verbot auch jegliche Militärluftfahrt. Diesen Vertrag brach das Königreich Mitte der 1930er  Jahre und begann mit dem Aufbau neuer Luftstreitkräfte. Die ersten Militärflugzeuge – zwölf Jagdflugzeuge Heinkel He 51 und zwölf Aufklärer Heinkel He 45 – wurden Ende 1936 in Deutschland gekauft. Mitte 1937 kamen ebenso viele Jagdflugzeuge Arado Ar 65 und Bomber Dornier Do 11 hinzu sowie Jagdflugzeuge PZL P.24 und leichte Bomber PZL P.43 aus Polen.

Dem neuen Hoheitszeichen der Königlich Bulgarischen Luftstreitkräfte lag das bulgarische Tapferkeitskreuz zugrunde, zudem war auf den Seitenrudern waagrecht die bulgarische Trikolore angebracht. Die aus dem Budget von König Boris III. bezahlten Ar 65 und Do 11 führten zusätzlich das Königswappen – ein goldenes kyrillisches B mit Krone auf rotem Schild. Am 27. Juni 1937 weihte Boris III. die Fahnen der neuen Einheiten, bezeichnet als „Seiner Majestäts Luftstreitkräfte“.

Nach der deutschen Besetzung der Tschechoslowakei im März 1939 kaufte Bulgarien 176 gebrauchte Flugzeuge der Hersteller Avia und Letov. Zur Ausbildung des fliegerischen Personals wurden zudem zahlreiche Trainer beschafft. Auch kamen bulgarische Piloten in den Genuss einer fliegerischen Ausbildung im Deutschen Reich und in Polen. Bis Mitte 1939 verfügten die Luftstreitkräfte über 144 Piloten. Im August 1939 wurden, quasi in letzter Minute, von Polen noch 22 Kampfflugzeuge PZL P.43 geliefert.

Nach dem deutschen Einmarsch in Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges beschloss Bulgarien Anfang 1940 den Kauf von zehn Messerschmitt Bf 109 E-3 für 2 072 000 Reichsmark. Im Juni 1940 kamen die in Wiener Neustadt hergestellten Jagdflugzeuge in zerlegtem Zustand per Eisenbahn in Bulgarien an. Ihre Montage erfolgte in einem Hangar neben dem Flugplatz Boschuriste bei Sofia, unter der Leitung von Messerschmitt-Werkmonteuren. Die Bf 109, Codename „Strela“ (Pfeil), hieß in Bulgarien einfach nur „Messer“.

Ende 1940 wurde als Hoheitszeichen auf Rumpf und Tragflächen ein schwarzes Andreaskreuz auf weißem Quadrat eingeführt. Die nationalen Farben auf dem Seitenruder blieben bis 1943. Sie wurden dann zur Anpassung an die Kennzeichnung der deutschen Luftwaffeneinheiten auf dem Balkan mit dem üblichen Tarnanstrich überdeckt. Das Rumpfband und die Flügelenden waren gelb lackiert.

Nachdem das Königreich am 1. März 1941 seinen Beitritt zum Dreimächtepakt (Deutsches Reich, Italien, Japan) erklärt hatte, erfolgte der Kauf weiterer Bf 109 E-3. Als Trainer dienten unter anderem Focke-Wulf Fw 44, Heinkel He 72, Bücker Bü 131 und Arado Ar 96. Die Stäbe wurden mit Fieseler Fi 156 Storch und Messerschmitt Bf 108 Taifun bedient. Jedoch verweigerte das Reich die Lieferung von Junkers Ju 88 und Heinkel He 111. Lediglich eine He 111 diente in der Passagierversion als Regierungsflugzeug. 1943 erhielt Bulgarien noch zwölf Bomber Do 17 M, 18 Aufklärer Focke-Wulf Fw 189 Uhu und zwölf Sturzkampfbomber Junkers Ju 87 R-2. Weitere 40 Ju 87 D-5 folgten 1944.

Mit dem Beitritt zum Dreimächtepakt wurde Bulgarien zum Aufmarschgebiet deutscher Truppen für den Balkanfeldzug, aus dem es sich territorialen Zugewinn und einen Zugang zum Mittelmeer versprach. Im Rahmen dieses Feldzuges erbeuteten bulgarische Truppen etliche Flugzeuge, da­runter die jugoslawische Lizenzausführung der Do 17, die Do 17 Ka. Gegenüber der Sowjetunion wahrte das traditionell prorussische Land aber auch nach dem Beginn des Unternehmens „Barbarossa“ seine Neutralität. Jedoch beteiligte sich Bulgarien am 13. Dezember 1941 an der Kriegserklärung der Achsenmächte  an Großbritannien und die USA.

Im  Juni 1941 wurden 15 bulgarische Aufklärer (Do 17 und Avia B-71) nach Kawala an der ägäischen Küste verlegt und führten im Verbund mit den 27 bei Athen stationierten deutschen Heinkel He 60 Aufklärungsflüge über der Ägäis durch. Zudem begleiteten sie deutsche und italienische Schiffsverbände nach Kreta und Nordafrika. Auch über dem Schwarzen Meer patrouillierten bulgarische Heinkel He 42 und He 60 sowie Arado Ar 196 A-3 gemeinsam mit der deutschen Seeaufklärungsgruppe 131. Ihr Standort war die Seeflugstation „Tschaika“ bei Warna.

Ausbildung und Einsatz der bulgarischen Piloten wurden von der Dienststelle des deutschen Luftattachés in Sofia begleitet. Fliegerischer Ausbilder war Major Gerhard Homuth und nach dessen Versetzung Major Johannes Seifert. Das bulgarische Luftverteidigungs- und Warnsystem stand unter dem Kommando von Major Helmut Kühle.

Im März 1943 genehmigte die deutsche Kommission für den Waffenstillstand die Lieferung von 96 Dewoitine D.520, deren Produktion unter dem Vichy-Regime weiterlief. Sie wurden im Herbst 1943 von französischen und deutschen Piloten überführt. Dabei gelang es sieben Franzosen, sich in die neutrale Schweiz abzusetzen.

Nachdem die „Heeresgruppe Afrika“ im Mai 1943 kapituliert hatte, standen den Alliierten die nordafrikanischen Flugplätze und wenige Monate später auch die auf Sizilien zur Verfügung. Am 1. August 1943 führten sie das Unternehmen „Tidal Wave“ (Flutwelle) durch, die Bombardierung der rumänischen Erdölfelder bei Ploesti. Vom Flugplatz Berka nahe der nordafrikanischen Hafenstadt Bengasi starteten 164 B-24D Liberator der 9. US-Luftflotte zu einer vierzehnstündigen Mission, die sich als verlust­reicher Fehlschlag entpuppen sollte. Die Bomber flogen ohne Begleitschutz, wurden frühzeitig aufgeklärt und vor Ploesti von deutschen und rumänischen Jagdflugzeugen angegriffen. Der Rückflug führte die übrig gebliebenen Liberator über bulgarisches Territorium – der erste Kampfeinsatz für die dortigen Jagdflieger. Einigen Bf-109-Piloten gelang es am Nachmittag, vier US-Bomber abzuschießen. Am 1. November 1943 wurde auf italienischem Boden die 15. US-Luftflotte für den Einsatz gegen Südeuropa und den Balkan aufgestellt.


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