03.06.2016
Klassiker der Luftfahrt

Ein erbeuteter Sternmotor aus der Sicht deutscher IngenieureDer Pratt & Whitney Double Wasp

Die vorliegende Beuteauswertung stellt eine zusammengefasste Beurteilung des "Double Wasp"-Motors durch Ingenieure des Flugmotorenbaus der Bayerischen Motorenwerke München und Spandau dar.

IN DIESEM ARTIKEL

Das Reichsluftfahrtministerium war Zeit seines Bestehens daran interessiert, dass wissenschaftliche Erkenntnisse allen Industriezweigen ohne Wenn und Aber zur Verfügung gestellt werden. Mit der Dokumentensammlung der Zentrale für Wissenschaftliches Berichtswesen (ZWB) wurden in sogenannten PBs (Prüfberichten) und FBs (Forschungsberichten) den Ingenieuren der Flugzeug- und Flugmotorenindustrie Gelegenheit gegeben, ihr Wissen jenseits des Konkurrenzdenkens auf den neuesten Stand zu bringen. Neben den PBs und FBs spielten auch die sogenannten Beuteauswertungen eine wichtige Rolle im Verständnis der Waffentechnik.

Im vorliegenden Fall geht es um die Ergebnisse der Beuteauswertung Nr. 18 vom 25. Juli 1943:
Marton Szigeti/Archiv


Der USA-Flugmotor Pratt & Whitney "Double Wasp"
Zusammenfassung

Von dem 18-Zylinder Doppelsternmotor Pratt & Whitney "Double Wasp R-2800" sind bisher acht verschiedene Baureihen bekannt, von denen vier auch schon als Beute angefallen sind. Dieser Bericht behandelt in erster Linie die Baureihe R 2800-5 mit 1875 PS am Start, jedoch sind die bau-lichen Unterschiede und Daten der anderen Reihen mit erfaßt.

Die Entwicklung des "Double Wasp" erfolgte in den Jahren 1937/38. Der Motor ist als vollständige Neukonstruktion anzusehen, Anlehnungen an den kleinen 14-Zylinder Doppelsternmotor "Twin Wasp" der gleichen Firma (1200 PS) sind nur in einigen Teilen festzustellen. Im Laufe der Entwicklung hat man für diesen Motor noch eine Ausführung mit Wellenverlängerung und angeblich auch mit mechanischem Zweistufenlader gebaut, die aber nicht in Serie gegangen ist. In kleinen Stückzahlen lief der Motor 1939 mit 1620 PS Startleistung und bald darauf mit 1875 PS bei Pratt & Whitney an. Diese Baureihen sind unter den Bezeichnungen R 2800-S2 A4G, -S2 A6G, -S1 A4G, -S1 A6G bekannt geworden. Ford übernahm dann Ende 1941 die Großserienherstellung in einem besonders dafür errichteten Werk in River Rouge. Zunächst liefen dort die Baureihen R 2800-5 und -39 mit 1875 PS an, denen bald die leistungsgesteigerten Reihen R 2800-21 und -35 mit Abgasturbolader und R 2800-27, -31, -41, -43 mit Zweiganglader folgten. Inzwischen liefen die älteren Reihen aus, so daß heute nur die letztgenannten Motoren mit 2025 PS am Start gebaut werden.

Der "Double Wasp" ist damit der stärkste amerikanische Großserien-Flugmotor, der sich gegenüber dem etwas stärkeren Wright "Duplex Cyclone" (2200 HP) noch durch seinen kleineren Sterndurchmesser von nur 1333 mm gegen rund 1400 mm auszeichnet. Für alle Leistungsvergleiche müssen die Werte von R 2800-43 beziehungsweise R 2800-21 eingesetzt werden, da diese die heute an der Front verwendeten Baureihen sind. Eingebaut ist der "Double Wasp" bisher nur in folgenden Flugzeugen:

B-26   Marauder zweimotoriges Kampfflugzeug
B-34   Ventura  zweimotoriges Kampfflugzeug
P-47   Thunderbolt einmotoriger Höhenjäger
F4U-2  einmotoriges Träger-Jagdflugzeug

Die recht interessante Abgasturboladeranlage im "Thunderbolt" ist erst kürzlich in ihren Einzelheiten bekannt geworden und wird in einer späteren Ausgabe der "Beuteauswertung" beschrieben werden.
Bei der Entwicklung des "Double Wasp" wurde auf seine Leistungssteigerung Bedacht genommen. Konstruktiv sind einige recht beachtenswerte und überraschende Lösungen vorhanden, die in der folgenden Baubeschreibung ausführlich behandelt werden.

Besonders betrifft dieses die fast ausnahmslos durchgeführte Gleitlagerung aller Wellen (außer einem Radiaxlager der Luftschraubenwelle und den Doppelkugellagern der Schwinghebel), wobei außerdem der ausgezeichnete Zustand sämtlicher Gleitlager ins Auge fällt. Hierbei muß auch in Betracht gezogen werden, daß für diese Motoren ein sehr guter Schmierstoff verwendet wird. Bemerkt sei in diesem Zusammenhang, daß ein "Double Wasp" im Dauer-Prüflauf bei deutschen Abnahmebedingungen und normalem Rotring der heutigen Qualität bereits 100 Stunden einwandfrei (bis auf Kerzenstörungen) durchgestanden hat.


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