09.09.2016
Erschienen in: 05/ 2013 Klassiker der Luftfahrt

Eigenentwicklung mit britischen WurzelnAvro Canada CF-100

Kanadier bezeichnen sich selbst gern als „Canucks“, und so gaben sie ihrem ersten und einzigen Abfangjäger auch stolz diesen Beinamen. Mit fast 700 Exemplaren stand er für einen großen Erfolg der heimischen Luftfahrtindustrie, doch Avro Canada konnte später nicht daran anschließen.

Die kanadische Luftfahrtindustrie, entstanden mit britischer Aufbauhilfe, wollte nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als nur Lieferant britischer Lizenzprodukte sein, und ihre Konstrukteure gingen bald mit Stolz und Selbstbewusstsein ans Werk. Bei der A.V. Roe Canada Ltd. gab es eine Menge Ideen für die Entwicklung eigener nationaler Luftfahrzeuge; nicht alle indessen waren realisierbar, wie das Beispiel der „fliegenden Untertasse“ Avrocar zeigen sollte. Das Strahlverkehrsflugzeug C-102 Jetliner dagegen brachte es immerhin zu ein paar Flügen, doch auch dieses Projekt wurde wegen seiner mangelnden Wirtschaftlichkeit bald wieder eingestellt.

Die kanadische Regierung lenkte das Interesse der heimischen Luftfahrtspezialisten daher auf die Schaffung eines eigenen Jagdflugzeuges, denn die Verteidigung des bereits im Jahre 1940 mit den USA geschaffenen gemeinsamen nordamerikanischen Luftraumes sollte nicht allein in den Händen des großen Nachbarn im Süden liegen. Angesichts des im Kalten Krieg allgemein anerkannten Bedrohungsszenarios, dass russische Angriffe auf den Kontinent mittels hoch einfliegender, großer Bomberströme über den Nordpol erfolgen würden, plante man den Aufbau einer schlagkräftigen und den gesamten arktischen Norden umfassenden Jagdabwehr.

Die dafür benötigten Abfangjäger sollten also mit hoher Steigrate schnell und in großen Höhen sowie bei jedem Wetter operieren können. Zudem wurde wegen der weit auseinander liegenden Flugplätze der Royal Canadian Air Force (RCAF) eine große Reichweite, dazu starke Bewaffnung, eine Zwei-Mann-Besatzung sowie die bestmögliche Ausstattung mit Navigationsgeräten gefordert. Recht bald zeigte sich, dass keines der zur damaligen Zeit verfügbaren Jagdflugzeuge alle diese Forderungen erfüllte, weder die English Electric Canberra, noch die Gloster Meteor oder gar die Lockheed F-94 Starfire.

Insofern war es ein durchaus mutiger Schritt der Regierung, A.V. Roe Canada mit der Entwicklung eines Jägers zu beauftragen, der die spezifischen nationalen Bedürfnisse erfüllen sollte. Positiv machte sich auch bemerkbar, dass die Kanadier bereits frühzeitig auf dem Stevenson Field in Winnipeg eine Teststation für Strahltriebwerke unter besonders kalten Wetterbedingungen eingerichtet hatten, die von der Research Enterprises Ltd. betrieben wurde.

Ein zweites Unternehmen, die Turbo Research Ltd., erhielt im Januar 1945 den Auftrag zur Schaffung eines Strahltriebwerkes für den künftigen kanadischen Abfangjäger. Bei Turbo waren verschiedene Systeme entwickelt worden, darunter das TR4 Chinook mit Axialkompressor, von dem drei Aggregate und ein Testkompressor gebaut wurden. Sie liefen in 20-monatiger Erprobungszeit insgesamt rund 1000 Stunden und lieferten einen Schub von jeweils 13,34 kN. A.V. Roe Canada übernahm am 4. Mai 1946 Turbo Research, verlagerte deren Aktivitäten an den eigenen Firmensitz in Malton und richtete in Nobel, Ontario, Triebwerkstestanlagen ein.

Im April 1947 begannen die Arbeiten an dem Triebwerk TR5 Orenda, benannt nach einem Geist des Indianerstamms der Irokesen, der sich der Sage nach hin und wieder der Menschen bemächtigte und diesen Kraft und Stärke verlieh. Kurz vor Erreichen der 1000-Stunden-Laufzeit des ersten Prototyps wurde es zerstört, als der Laborkittel eines Technikers vom Lufteinlauf angesaugt wurde. Der Stoff allein hätte dem Triebwerk wohl kaum den Garaus gemacht, aber eine in einer Tasche des Kittels befindliche Packung Rasierklingen schaffte das spielend.


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Matthias Gründer


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