11.01.2017
Erschienen in: 06/ 2016 Klassiker der Luftfahrt

10 Jahre QuaxLebendige Geschichte

Der Name Quax erinnert an den Film mit Heinz Rühmann als Bruchpilot. Die Mitglieder der Quax-Flieger sind jedoch alles andere als Bruchpiloten – Sie sind Hansens (Rühmanns Fluglehrer) Ziehschüler. Auch für nicht- Piloten bietet der Verein ein gelungenes Konzept.

Wer heute gerne am Steuer eines historischen Flugzeugs sitzen möchte und nicht über das nötige Kleingeld verfügt, ist in einem Verein gut aufgehoben. Vielleicht nicht immer jedermanns Sache, doch es gibt Modelle eines gelungenen Miteinanders im Klub. Beispielhaft ist hier der größte Oldtimer-Verein in Deutschland zu nennen. Der Erfolg gibt den Mitgliedern und dem Vorstand der Quax-Flieger, dem „Verein zur Förderung von historischem Fluggerät“, Recht.

Um die Geschichte vollständig zu erzählen, muss man etwa elf Jahre zurückgehen. Im Sommer 2005 besuchte eine kleine Gruppe von Luftfahrtenthusiasten die Shuttleworth Collection sowie das Jahrestreffen des Moth Club in Woburn Abbey. Dort fiel der Blick auf verschiedene de Havilland Canada DHC-1 Chipmunks. Die Freunde träumten und planten, selbst mal einen solchen Trainer zu besitzen. Kurzum, wenige Monate später trafen sie sich zur Gründungsversammlung im Schulungsraum des LSC Hamm – und die Quax-Flieger waren geboren.

Gemeinsam wurde nun der Kauf der Chipmunk D-EPAK finanziert, und man träumte von einer größeren Zukunft des Vereins. „So 30 Mitglieder und vielleicht noch ein weiterer Klassiker, das wäre doch was …!“, erinnert sich Vereinspräsident Peter Sparding. Die nächsten Monate zeigten rasch, dass diese Vorstellung von der Realität sogar übertroffen wurde: Am Ende des Gründungsjahres hatten die Quaxe weit mehr als 100 Mitglieder, darunter rund 20 aktive Piloten, und mit DHC-1 Chipmunk, Focke-Wulf Stieglitz, Stampe SV-4 und Bücker Jungmann sowie zwei Segelflugzeugen eine ziemlich ansehnliche Flotte zusammen.

Gutes Konzept sorgt für Wachstum

Ermöglicht wurde das rasche Wachstum der Quax-Flieger auch durch die Idee mehrerer Quax-Stationen und der unterschiedlichen Konzepte der Mitgliedschaft. Es gibt Mitglieder, die den Verein unterstützen und von günstigeren Konditionen profitieren, zum Beispiel bei einem Mitflug in einer der Vereinsmaschinen. Dann gibt es die Piloten ohne eigenen Oldtimer, die aber gerne Erfahrungen auf historischen Flugzeugen sammeln möchten, und diejenigen, die eventuell ein eigenes Fluggerät besitzen und von der guten Infrastruktur der Gruppe profitieren möchten. Jeder bringt sich mit ein – sei es mit seinem Know-how, seiner Arbeitskraft oder auch finanziell.

Ein weiterer Pluspunkt ist die Verteilung der Standorte über das ganze Land. Die Flugzeuge des Vereins sollten nicht nur in Hamm-Lippewiesen beheimat sein, deshalb werden sie von verschiedenen Stationen aus betrieben. Aus den bereits im Sommer 2006 gegründeten Dependancen in Rheine-Eschendorf und Berlin hat sich mittlerweile ein Netz aus acht Standorten in ganz Deutschland entwickelt, von denen aus regelmäßig geflogen wird. An den meisten Niederlassungen sind ein bis zwei Hangarplätze für die Flugzeuge des Vereins reserviert. Auf dem Flugplatz Bienenfarm westlich von Berlin wird sogar ein kompletter Hangar inklusive Werkstatt genutzt. Hier finden sich die Quax-Flieger seit mittlerweile acht Jahren nach jedem Osterwochenende zum „Ausmotten“ ein. Dabei bereiten sich die Piloten auf die Flugsaison vor und vertiefen die Praxis auf den unterschiedlichen Mustern des Vereins. Gleichzeitig hat sich das Trainingslager zu einem großen Treffen der Mitgliederfamilien entwickelt, die nicht selten eine komplette Woche in Bienenfarm verbringen.

Gerade dieser Gedanke eines „Vereins für jeden“ macht den besonderen Charme aus. Beim diesjährigen Saisonstart in Bienenfarm wurde dies wieder ganz deutlich. Untergebracht im Wohnwagen, Camper oder Zelt, bot die Gemeinschaft ein buntes Familienidyll – Kinder, die auf Heuballen spielen und mit kleinen Flugzeugen in der Hand über den Platz flitzen. Nachwuchssorgen sind bei den Quax-Fliegern also nicht zu befürchten.  Es wird sogar aktiv an der Gewinnung und Förderung der sogenannten Quäxchen gearbeitet.

Um die Leidenschaft für historische Flugzeuge und das Fliegen weiterzutragen, hat der Verein in diesem Jahr ein neues Projekt ins Leben gerufen: die „Jungen Adler“. Junge Menschen sollen beim Erwerb der Pilotenlizenz und dem Sammeln der nötigen Flugstunden auf Oldtimern finanziell unterstützt werden,  um ihnen die Schulung und ein umfassendes Training zu ermöglichen.

Voraussetzung für das Förderprogramm ist, dass sich die Nachwuchspiloten und -schrauber im Verein besonders engagieren und Verantwortung übernehmen. Zudem verpflichten sich die Teilnehmer, mit Einstieg ins Berufsleben beziehungsweise ab Vollendung des 30. Lebensjahres einen Teil der erhaltenen Fördersumme wiederum zur Förderung des dann bestehenden Quax-Nachwuchses in den Fonds einzuzahlen.

Auch für die berufliche Zukunft des Nachwuchses wird gesorgt. Am Hauptstandort in Paderborn gibt es neben dem Hangar für Events und besondere Schmuckstücke auch Werkstätten. Das ist die Heimat der Quax Technik GmbH. Derzeit werden zwei junge Enthusiasten zu Fluggerätmechanikern ausgebildet, um den Umgang mit den historischen Vögeln zu lernen. Die GmbH ist dazu berechtigt, Wartungs- und Reparaturarbeiten an Flugzeugen bis 5700 Kilogramm durchzuführen. Mit ihren EASA- und LBA-qualifizierten Prüfern wird der gesamte Service für diese Luftfahrzeuge abgedeckt. Es können sogar die jährlichen Prüfungen der Lufttüchtigkeit für Flieger bis 2730 Kilogramm vorgenommen werden. Diese erfolgen in Zusammenarbeit mit der Oskar Ursinus Vereinigung. Damit bietet der Verein seinen Mitgliedern Möglichkeiten für die Wartung ihrer Klassiker, natürlich zu besonderen Konditionen. 

Schmuckstück als Vereinsgebäude

Doch bevor Quartier und Werkstätten am Flughafen Paderborn/Lippstadt bezogen werden konnten, musste erstmal ein passendes Gebäude her. Am Gründungsort Hamm waren die Bedingungen nicht gegeben, und so beschloss man, den zentralen Hangar am gut 80 Kilometer entfernten Verkehrsflughafen entstehen zu lassen. Der Airport bietet dank guter Erreichbarkeit, der Infrastruktur und besonders seiner 2180 Meter langen Hauptbahn perfekte Möglichkeiten für den Quax-Verein. 2010 war das Objekt fertig. Highlight ist der Präsentationsbereich – ein gläserner Bau, dessen außen liegende Träger die Rippen eines Flügels darstellen. An drei Seiten mit Fenstern versehen, ermöglicht diese Konstruktion Besuchern immer einen Blick auf die Schmuckstücke der Sammlung.

Und so kann man derzeit den aktuellen Neuzugang bestaunen: Pünktlich zum zehnten Geburtstag war es den Quaxen gelungen, die letzte flugfähige Bücker 180 Student zu erwerben. Damit konnte der Verein seine ohnehin beachtliche Flotte von historischen Mustern noch weiter verstärken. Neben Focke-Wulf Stieglitz, Klemm 35, Boeing Stearman und Bücker 131 haben sich die Vereinsmitglieder noch ein weiteres Geschenk gemacht. Seit Ende 2015 halten sie 50 Prozent an einem Schweizer Militärtrainer Pilatus P-2. Der Ganzmetallflieger mit Einziehfahrwerk ist mit dem Zwölfzylinder-Argus-Motor ein Quantensprung in Sachen Leistung. 

Der Verein ist ständig in Bewegung, neue Vorstellungen entstehen, Projekte werden verwirklicht. Vor zehn Jahren hätte niemand angenommen, dass er einmal zu einer solchen Größe heranwüchse. Doch der Erfolg ist den Ziehschülern von Fluglehrer Hansen nicht zu Kopf gestiegen: Noch immer schlafen sie im Zelt unter der Tragfläche ihrer Doppeldecker, sitzen abends entspannt mit den Gästen ihrer Veranstaltungen zusammen und sind immer offen für neue Mitglieder und tolle Ideen.

Klassiker der Luftfahrt Ausgabe 06/2016 



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